Einwanderung nach Kanada: Überlegungen die man machen sollte

by Gary Kiemle

In einer Studie, die jährlich von US-News in Zusammenarbeit mit ‚Y&Rs BAV group‘ und die hochrenommierte ‚Wharton School of the University of Pennsylvania‘ durchgeführt wird (Bewertung von 80 Ländern durch den Vergleich von 65 Ländermerkmalen, die den Erfolg eines modernen Landes beschreiben), hatte Kanada 2017 den zweiten Rang und die höchste Lebensqualität aller Länder. Mit anderen Worten, Kanada ist seit Jahrzehnten immer noch äußerst attraktiv, Tendenz gleichbleibend! Kanada steht für eine gesunde Demokratie, politische Stabilität, ein ausgezeichnetes Bildungssystem, ein gutes Gesundheitssystem und eine erfolgreiche Integration verschiedenster Kulturen in die kanadische Gesellschaft.

Die Attraktivität spiegelt sich in der Zahl der Einwanderungsinteressenten wieder, die in die Millionen geht.
Der 3-Jahre Einwanderungsplan der kanadischen Regierung setzt das Ziel in 2018 auf 310.000 Einwanderer fest,
für 2019 auf 330.000 und für 2020 sogar auf 340.000 Neuankömmlinge. Diese Gesamtzahlen gliedern sich in vier Hauptkategorien auf:

 

1) Wirtschaftsorientierte Programme (Economic Class), 2) Familienkategorie,
3) Flüchtlinge und geschützte Personen, 4) Humanitäre und andere Antragsteller.

Die für 2018 geplante Gesamtzahl teilt sich 177.500 Visas für die Economic Class, 86.000 Visas für die Familienklasse, 43. 000 Visas für Flüchtlinge / geschützte Personen und schließlich 3.500 Visa für Humanitäre/Andere Visas auf. Diese Hauptkategorien, insbesondere die Economic Class, sind in Unterkategorien unterteilt, die ihrerseits aus einer großen Anzahl verfügbarer Einwanderungsprogramme bestehen.

Frage ist, was muss jeder der nach Kanada auswandern möchte, sich in seinem Denkprozess überlegen und entscheiden? In einem ersten Schritt muss festgelegt werden, für welche Hauptkategorie ein Antrag gestellt werden muss, z. B. als Flüchtling, oder in der Familienkategorie oder Economic Class? Zweitens, für welche Unterkategorie bzw. welches spezielles Einwanderungsprogramm ist man qualifiziert und hat die höchste Erfolgschance? Drittens: Was ist der spezifische Bearbeitungsprozess für das ausgewählte Einwanderungsprogramm, welche Dokumente müssen vorbereitet werden und was müssen diese enthalten? Welche Fallstricke können zu Verzögerungen oder gar Ablehnungen führen? Und, falls man die Unterstuetzung eines lizensierten Einwanderungsberater möchte, nach welchen Kriterien sollte man die Auswahl treffen? Betrachten wir die eben definierten Schritte und besonderen Herausforderungen etwas naeher.

Flüchtlings-, Familien-, Wirtschaftorientierte oder Humanitäre Kategorie

Das ist wahrscheinlich die einfachste Entscheidung, da es in den meisten Fällen selbstbestimmend ist.
Manchmal kann es aber mehrere Auswahlmöglichkeiten geben, z. B. ein erfolgreicher Geschäftsmann, der eine enge romantische Beziehung mit einem kanadischen Staatsbürger oder einer Person mit unbegrenztem Aufenthaltsrecht (Permanent Resident) hat, und damit sowohl die Economic Class als auch die Familienkategorie möglich ist.
In der Regel wird dies dadurch gelöst, dass der nächste Schritt angegangen wird und die spezifischen rechtlichen Einwanderungsprogrammbestimmungen, die Bearbeitungszeiten, und der notwendige Vorbereitungsaufwand als auch persönliche Präferenzen geprüft werden.


Wohin ich auch schaue, Einwanderungsprogramme 🙂

Da man jetzt die Hauptkategorie kennt, ist der nächste Schritt die Auswahl des Einwanderungsprogramms.
Es gibt im Moment mehr als 60 verschiedene Einwanderungsprogramme. Speziell in der Economic Class existiert ein Dschungel von verfügbaren Einwanderungsprogrammen, von denen jedes seine eigenen individuellen Anforderungen hat. Neue Fragen, die sich bei der Auswahl von Einwanderungsprogrammen ergeben, sind zum Beispiel: Facharbeiter, Arbeitnehmer, Selbständig oder sogar Unternehmer? Federal, Quebec oder Provinz (PNP)? Falls PNP, welche Provinz und welches Provinzprogramm? Gibt es Pilotprogramme? Erfülle ich die Programmanforderungen? Kann ich das mit entsprechender Dokumentation belegen? Was ist eine geeignete Dokumentation? Gibt es Unterschiede in der Verarbeitungszeit? Gibt es Unterschiede im Verfahren (- z. B. für Anträge auf Provinzebene muss noch ein Bundesantrag für eine ärztliche Untersuchung und eine Sicherheitsüberprüfung eingereicht werden)? Benutzt diese Kategorie Express Entry (jetzt fast überall Standard für Economic Class)? Falls ja, besteht eine realistische Chance, dass man nach der Express-Registrierung dann auch zur Antragsstellung eingeladen wird? Was könnte/müsste getan werden, um die Chancen auf einen positiven Antrag zu verbessern? Gab es in der Vergangenheit irgendwelche Probleme mit den kanadischen Einwanderungsbehörden oder wurden in der Vergangenheit schon mal Einwanderungsanträge gestellt? Besteht die Möglichkeit einer Ablehnung aufgrund von medizinischen oder strafrechtlichen Problemen? Was die anderen Hauptkategorien anbelangt, sollte der Schwerpunkt auf dem Prüfen der spezifischen Anforderungen des jeweiligen Migrationsprogramms und der Erfolgschancen liegen. Weiterhin, was getan werden könnte, um die Programmanforderungen vielleicht in der nahen Zukunft zu erfüllen, oder um die Chancen eines Antrags zu verbessern.

Der Antragsprozess selbst

Immigration Canada versucht seit mindestens den 20 Jahren wo ich dabei bin, den Bewerbungsprozess zu vereinfachen. Es hat jedoch nie wirklich funktioniert. Die Gründe liegen darin, dass sich nach Lösungen existierender Anwendungsschwierigkeiten dann immer andere Problemzonen ergeben. Es ist wahrscheinlich auch nicht möglich, DEN perfekten, einfachen Antragsprozess fuer ALLE zu erstellen. Im Zweifelsfall ist es besser erst von legitimierten und qualifizierten Quellen eine Antwort auf Fragen zu bekommen, die sich beim Antrag stellen. Aussagen in Internetforen, von Freunden, oder erfolgreichen Einwanderern müssen mit viel Vorsicht genossen werden, da deren Kenntnisse sehr rudimentär, und nicht auf andere Antragsteller problemlos zu uebertragen sind. Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Wechsel von Papierantraegen zu Online-Anwendungen fast abgeschlossen, einschließlich der Übernahme bestehender Probleme wie unflexible Checklisten, die die persönliche Situation eines Bewerbers nicht widerspiegeln. Um Verzögerungen oder die Ablehnung des Antrags zu vermeiden, ist die Vorbereitung situationsbedingter Dokumente jedoch unerlässlich. Zum Beispiel bestimmt der Inhalt eines qualifizierten Arbeitszeugnis, ob eine Bewerbung als Facharbeiter/Arbeitnehmer erlaubt oder abgelehnt wird. Oder der Businessplan für Unternehmeranträge muss nach etablierten Standards erstellt werden, und die Geschäftsidee muss den Bedürfnissen der Provinz entsprechen. Potenzielle Probleme die zur Ablehnung aufgrund medizinischer oder strafrechtlicher Fakten führen können, sollten mit entsprechenden Dokumenten gemäß bestehender Einwanderungsgesetze und Rechtsprechung positiv angesprochen werden.

Auswahl eines lizensierten Einwanderungsberater

Zuerst muss sichergestellt werden, ob der Einwanderungsberater entweder bei dem Berufsverband (regulator) ICCRC oder ber einer der Provinz Law Societies als aktives Mitglied registriert ist. Für Beratungen innerhalb Deutschlands wäre es weiterhin sehr empfehlenswert wenn die Auswanderungsberatererlaubnis für Deutschland, gemäß Paragraph 1 des Auswandererschutzgesetzes vorliegt. Weitere legitime Fragen sind seit wann man die Lizenz hat, und welche Erfahrungen (zb wieviele Anträge in den in Frage kommenden Kategorien, wurden erfolgreich bearbeitet) vorliegen. Einwanderungsberatungsneulinge (jeder fängt mal neu an!) können durchaus auch sehr hilfreich sein, wenn sie zuverlässlich und kompetent sind und Zugriff auf mehr erfahrene Kollegen haben, mit denen sie zusammenarbeiten können, falls erforderlich. Niemand hat ‚Beziehungen‘ zu Einwanderungsbeamten die besondere Resultate garantieren. Sie sollten sofort davonlaufen, wenn jemand dieses behauptet 🙂 Was allerdings richtig ist, dass erfahrene Einwanderungsberater wissen, wen oder welches Einwanderungsdepartment man in welcher Situation für ein bestimmtes Problem kontaktieren muss und wie man eine erfolgreiches Plädoyer zur potentiellen Problemlösung vorbereitet. Zum Abschluss das Fazit, dass der erfolgreiche Einwanderungsantrag eine gründliche Vorbereitung zur Auswahl der richtigen Kategorie, und des vollstaendigen Antrags verlangt.

Viel Erfolg für alle, die irgendwann einmal nach Kanada einwandern wollen!

* Gerd Damitz ist lizensierter kanadischer Einwanderungsberater mit deutscher Beratungsgenehmigung, und seit über 20 Jahren aktiv. Er war maßgeblich an der Gründung und dem Aufbau des größten kanadischen Einwanderungsberaterverbandes CAPIC, und der kanadischen Berufsverbandsbehörde ICCRC beteiligt.
Er ist President von Amirsalam & Damitz Canada Immigration Counsel (www.VisasCanada.com) und kann für Einwanderungsfragen unter info@visascanada.com erreicht werden.